Kinobetrieb

Für das besondere Kinoerlebnis - mit Tradition...


Kino mit Tradition

In den 50er Jahren war der Film in Westdeutschland eine echte Wachstumsbranche. Das Bedürfnis, einem von unmoralischer Eintönigkeit bestimmten Alltag wenigstens für ein paar Stunden zu entfliehen, bescherte den Kino-Besitzern übervolle Häuser. Weil die Menschenschlangen vor den Kassen immer länger wurden, entstanden damals auch in Nürnberg an allen Ecken neue "Lichtspielhäuser". Doch die immer perfekter werdende Fernseh- und Videotechnik hat in der Folge die meisten wieder vom Markt verdrängt. Zu den wenigen überlebenden Stadtteilkinos im alten Stil gehört der "Rio-Palast" in der Fürther Straße, der heuer 50 Jahre alt wird.

Eigentlich ist die Unternehmensgeschichte sogar noch ein Jahrzehnt älter. Sie beginnt gleich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, als ein gewisser Artur Mariani die Geschäftsführung des "Ka-Li"-Filmtheaters am Plärrer übernimmt. Er ist so erfolgreich, dass ihm schon wenige Jahre später zwei eigene Kinos gehören.

Nachdem seine Tochter Therese den Kaufmann Franz Ach geheiratet hat, bietet Mariani dem Paar an, in sein Geschäft einzusteigen. Um einen möglichen Generationskonflikt in der Familie zu vermeiden, wollen Therese und Franz Ach aber schon kurze Zeit später "selbst einen Laden aufmachen". Sie beauftragen den Architekten Hans Huthöfer auf dem Grundstück Fürther Str. 61-63 ein mehrstöckiges Gebäude für ein großes Kino mit Barbetrieb und eine angeschlossene Übernachtungs-Pension zu errichten.

Der neu eröffnete "Rio-Palast" macht seinem bombastischen Namen alle Ehre. Die Nürnberger beeindruckt vor allem das drei Etagen hohe Foyer, das beherrscht wird von einer elegant geschwungenen Freitreppe und einem farbigen Flachrelief der Bildhauerin Gertrud Kunstmann (1927-1994), die in jenen Tagen zu den gesuchtesten Künsterlern in der Region gehört. Staunen erregen auch die elfeinhalb Mal vier Meter große Projektionsleinwand die "Sechzehn-Effektlautsprecher" und das das allergrößte technische Wunderwerk: die "vollautomatische Klimaanlage".

Breitwandfilm zu Eröffnung

Ein Volltreffer ist die Festvorstellung zu Eröffnung am 25. Dezember 1955 um 21 Uhr. Gezeigt wird der Breitwandfilm "Ihr Leibregiment", der erst drei Tage vorher in Hannover Premiere hatte. Der Streifen ist ein Produkt ganz nach dem Geschmack des breiten Publikums. Unter der Regie von Hans Deppe und begleitet von der Musik des berühmten Unterhaltungskomponisten Willi Mattes spielen Ingrid Andree, Gerhard Riedmann, Wolf Albach-Retty, Harald Junke und Günter Pfitzmann. Erzählt wird eine zu Herzen gehende Liebesgeschichte im hochadeligen Milieu.

Das Filmgeschäft boomt. Doch die Zeiten ändern sich. Auf die Herausforderungen der 70er Jahre reagiert Familie Ach nicht mit Rückzug, sondern mit Erneuerung. Sie investiert 250 000 Mark in einen Umbau. Die Kapazität des großen Saales mit 800 Plätzen wird verteilt auf zwei Zuschauerräume im Erdgeschoss und im ersten Stock. Die Pension verwandelt sich in normale Wohnungen, die Bar weicht einem kleinen italienischen Restaurant. Auf der Leinwand verdrängen Italo-Western und Hollywood-Action das deutsche Liebesdrama.

Als Anfang der 90er Jahre das Kino-Center Cinecittà von sich reden macht, haben Therese und Franz Ach Senior die "Rio"-Leitung bereits an ihren - ebenfalls Franz genannten - Sohn übergeben. Der Junior lässt das Haus ein weiteres Mal aufwändig renovieren. Dabei werden die Sitzplätze auf 390 reduziert. Ebenfalls radikal verändert wird durch den jüngeren Franz Ach die Programmgestaltung. Im Rahmen der Film- und Fernsehförderung der bayerischen Staatsregierung erhält das "Rio" seit 1993 alljährlich eine Prämie "für ein qualitativ herausragendes Jahres-Filmprogramm".

"Unsere Stammkunden stellen Ansprüche", meint der derzeitige Chef. In seinem Haus laufen daher nur Streifen, die er vorher eingehend auf ihren künstlerischen Gehalt geprüft hat. Zusammen mit seinem Sohn, Franz III., reichert er überdies sein Angebot ständig durch Sonderveranstaltungen an. Da gab es etwa im Dezember 2004 die Premiere des Filmes "Der Bergkristall" von Joseph Vilsmaier und im Frühjahr 2005 ein Zeitzeugengespräch über das das Kriegsende vor 60 Jahren sowie ein Konzert der Pop-Gruppe "Missouri", anlässlich von deren Auszeichnung mit dem städtischen Kulturförderpreis. Seit einigen Jahren ist das "Rio" außerdem Austragungsort des Mittelfränkischen Jugendfilm-Festivals.

Quelle: Nürnberg Nachrichten vom 24. Juni 2005, geschrieben von Bernd Zachow

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